Oft werde ich gefragt – wie der Name Bilder aus Strom entstanden ist? Was verbirgt sich dahinter?
Nun … manche Dinge plant man. Andere entstehen in einem Moment – und bleiben.
BILDER aus STROM gehört zur zweiten Kategorie.
Vor 30 Jahren brauchte ich für ein Videoprojekt zweier Freunde, Michael Fakesch und Chris de Luca für ihr Projekt Funkstörung und ihr Label MUSIK aus STROM, spontan einen Produktionsnamen.
Ich hatte für ihr erstes Vinyl-Projekt ein Video produziert: elektronische Musik, visuelle Experimente – das Ganze sollte bei VIVA TV laufen.
Auf die Frage von VIVA nach der Produktionsfirma antwortete ich aus dem Bauch heraus: „BILDER aus STROM.“ Irgend etwas musste ja auf dem Sendeband stehen.
Das Video lief dann mehrmals 1996 auf VIVA TV. Und für mich als Grafiker im Video- und Post Production Bereich damals wirklich etwas Unbeschreibliches – ein Video im TV.
Für alle die es interessiert habe ich es unten am Ende des Beitrags angehängt – die Qualität ist leider etwas mässig und der Zeit geschuldet, aber die Kopie der Sendung ist noch heute auf Youtube zu finden. Danke Reinhard AM fürs Hochladen!.
Strom und Fotografie? Strom als Ursprung
Damals war Strom noch etwas anderes. Er war Energie, Material. Medium. Rauschen. VHS. Magnetband. Flimmern.
BILDER aus STROM war zu dem Zeitpunkt keine Marke. Es war eine Beschreibung dessen, was um mich rum Mitte der 90iger Jahre geschah: Elektrische Signale wurden zu Bildern. Musik wurde visuell. Bewegung wurde fixiert. Die Digitalisierung (das oben genannte Video wurde bereits digital geschnitten) krempelte gerade das Visuelle um. Meine erste Digital-Kamera war damals eine Kodak, die ich schnell zur Seite legte, da die Bilder so gar nicht meiner Vorstellung von Fotografie entsprachen (eher vergelichbar mit einer Webcam waren die Bilder farbig und auflösungstechnisch einfach nicht zu gebrauchen).
Aber Strom und Bilder waren schon sichtbar in Grafiken, Typografie, Animation und Fraktalgrafiken, Digitale Kunst, die ersten virtuellen Raum-Experimente wie beim Chromapark Berlin 1996.
Alles war im Fluß bzw im Strom der Veränderung

Heute wirkt der Name BILDER aus STROM aus der damaligen Sicht schon fast prophetisch. In einer Welt, in der Bilder nun inflationär aus Datenströmen entstehen, aus Algorithmen, aus neuronalen Netzen, aus Prompts – verändert durch Filter, durch flexibel nutzbare Medien und Parameter. Aber der Ursprung war kein Algorithmus. Und elektronische Musik war sicherlich eine der starken Triebfedern vor 30 Jahren.
Die Fotografie – als alles digital wurde
Um 2002 war ich dann mit Adobe (für die ich damals für Events und Messen verantwortlich war) auf der Photokina Köln. Ein Freund registrierte für mich abends die Domain Bilderausstrom.com. Die Messe ist mir noch gut in Erinnerung: das Analoge wurde (wie der heilige Gral) vehement von den anwesenden Fotografen verteidigt. Das Digitale (aus Sicht der Kameras) als nicht wettbewerbsfähig gesehen. Das sah dann bei der Photokina 2004 und 2006 schon ganz anders aus. Verschwunden sind dann (im Strom?) einige Schwergewichte der Messe (AGFA, Kodak, Fuji, …) und am Ende die Photokina selbst.
Die „geparkte“ Domain bilderausstrom.com , die bisher nicht genutzt wurde, wurde ab 2015 dann zum aktiven Raum – aus dem Namen wurde eine Plattform. Ein Skizzenbuch. Ein Archiv. Ein Denkraum.
Fotografie kehrt zurück
Die Fotografie wurde dabei ab 2015 zum Kern der Projekte, die Videoproduktion wanderte in den Hintergrund.

Wenn ich ehrlich bin habe ich die Fotografie nach Jahren (in denen ich für Adobe Events, Veranstaltungen und Seminare, Interviews „aus der anderen Perspektive“ organisiert und begleitet hatte) für mich wiederentdeckt. Für mich ist die Fotografie kein schnelles Bild. Sie ist schon immer eine Bestandsaufnahme des Moments, des Sehens und auch einer Emotion. Ein Ereignis, das stattgefunden hat. Ein Moment, der Licht hinterlassen hat.



Ob bei meinen Architekturprojekten, Porträts, Lost Places oder konzeptionelle Serien – immer geht es doch um die Frage: Was bleibt? Was war? Was ist Spur – und was Interpretation?

Fotografie ist Widerstand gegen das Beliebige. Sie verlangt Präsenz. Sie verlangt Entscheidung. Sie verlangt Zeit. Sie ist einzigartig.
Holz – Materialisierte Bilder
2023/2024 – Irgendwann reichte die reine Fläche nicht mehr. Das Bild wollte irgendwie „in den Raum“. Ich wollte zeigen, dass das Analoge auch im Digitalen fortbesteht.
Holz kam dazu. Spiegel. Bruchstellen. Objekte. Bilder wurden physisch-analog. Holz als Träger wurden Teil der Aussage.Die Oberfläche bekam Widerstand. Die Fotografie bekam Körper und letztendlich RAUM.
Projekte wie hybride Wandobjekte oder installative Arbeiten verbinden Materialität mit fotografischer Spur. Das Bild ist nicht mehr nur Fenster – es ist Objekt. Es hat Gewicht (davon kann ich ein Lied singen beim Transport 😉 ). Es hat Geruch. Es altert. Vor allem – es ist greifbar.



Vielleicht ist das eine Reaktion auf die zunehmende Entkörperlichung der Bilderwelt.
Vielleicht ist es einfach der Wunsch, dass Kunst wieder Raum einnimmt – nicht nur Speicherplatz.
Promptografie – Bilder aus Datenstrom
Gleichzeitig kam eine neue Form von Strom hinzu. Und für mich ein zweischneidiges Thema. Ist KI eine Bedrohung für die Fotografie, für das oben Beschriebene – oder gibt es die Chance auf eine Co-Existenz?
Promptografie – das bewusste textbasierte Arbeiten mit KI-generierten Bildern – ist für mich kein Ersatz für Fotografie. Sie ist ein neues Feld. Ein neuer Dialog. Aber auch eine Bedrohung, wenn sie inflationäre „im Strom“ Bilder ohne Kontext reproduziert.
Hier entsteht das Bild nicht durch Licht auf Sensor oder Film, sondern durch Sprache aber auch durch intransparente Algorithmen und das „Gelernt haben“ von Fotografen, eine Kopieren aber auch ein Kombinieren. Hier liegt glaub ich einer der größten Widersprüchlichkeiten der generativen Bildererstellung durch KI.



KI-Bilder sind keine Fotografien, sie sind bestensfalls Bilder.
Warum? Weil sich durch die Promptografie die entscheidenden Fragen der Fotografie deutlich verändert haben (bzw zurückgefunden haben):
Wer entscheidet? Wer verantwortet? Wer macht transparent? Was passiert mit dem Moment?
BILDER aus STROM steht sie deshalb nicht im Gegensatz zur Fotografie, sondern im Spannungsfeld zu ihr. Gerne zeige ich bei meinen Projekten den Gegensatz (Fotografie, Promptografie) aber auch die fast schon fehlende Trennschärfe in der Wahrnehmung. Und doch steckt in Fotografien mehr als nur das Sichtbare – und genau diesen Augenblick sichtbar werden zu lassen ist die Chance für uns Fotografen.
30 Jahre – Was bleibt?
Drei Jahrzehnte später ist BILDER aus STROM mehr als ein Name geworden. Es ist für mich ein kleiner Zeitstrahl durch verschiedene Medien: Video, Grafik, Tutorials, Fotografie, Reisen, Interviews, Lost Places, Menschen, Objekte und Kunst, Ausstellung und Auszeichungen und vor allem viel persönliche Reflexion.
Es ist der Versuch, Bilder nicht nur zu produzieren, sondern zu verstehen. Der Strom hat sich verändert. Früher war er analoges Signal. Heute ist er ein fast schon erdrückender, permaneter Datenfluss.
Aber der Kern ist derselbe geblieben: Energie (Kreativität) wird sichtbar. Wir sind diejenigen die sie steuern
Bilder aus Strom – Und jetzt?
BILDER aus STROM ist 30 Jahre alt – deshalb dachte ich mir: Zeit für eine persönliche Reflexion.
Reflexion bedeutet nicht Stillstand. Sie bedeutet ein Innehalten und Neujustieren.
Vielleicht war der spontane Name von damals mehr als ein Zufall.
Bilder entstehen aus Strom. Und sie entstehen aus zahlreichen Momenten.
Wie es auf BILDER aus STROM weitergeht … mal sehen. Vergangenen Dienstag hat für mich ein neuer persönlicher Lebensabschnitt begonnen. Zeit für einen Reset und ein Treibenlassen im Strom.

Und genau im Strom beginnt ein jedes neue Projekt.
BILDER aus STROM – Musikvideo Funkstörung/Musik aus Strom (VIVA TV) 1996
House TV auf VIVA TV – 1996


Hui, danke für die Einblicke. Interessant‼️
sehr gerne! 🙂