Rave the Planet Parade Berlin 08.Juli 2023

Zweifelsohne hatte die Love Parade einen großen Einfluss auf Berlin in der Wendezeit und die Sichtbarkeit in aller Welt. Berlin etablierte sich als eine der weltweit führenden Städte für elektronische Musik, Design und Clubkultur. Dann kam Kommerz, Ausverkauf und am Ende die Tragödie von Duisburg. Nun soll die Love Parade am 08.Juli 2023 zurückkehren – unter neuem Namen – von den alten Machern organisiert.

Was zeichnete die Love Parade aus?

Anfangs mit einigen 100 Teilnehmern als Demonstation startend, war die Love Parade auf ihrem Höhepunkt – wenn nicht DAS – jährliche elektronisches Großereignis, das am Ende 1 Million Menschen aus der ganzen Welt anzog. Sie wurde zu einem Symbol für die Techno-Kultur und die neue Hauptstadt.

Die Love Parade bot als Plattform für elektronische Musik und Kunst, das, was man heute wohl unter divers bezeichnet. Eine offen Gesellschaft für alle die sich dort zusammenfanden. Die Parade war auch ein alljährliches politisches Statement: stand sie doch (trotz der Party im Vordergrund) für Frieden, Toleranz und Gleichheit.

Zahlreiche Parties überzogen flankierend die Stadt. Das blieb nicht ohne Folgen. Jeder wollte ein Stück vom Kuchen abbekommen. Neben den obligatorischen Dosenverkäufern, die das schnelle Geld witterten wurde auch irgendwann Kommerzialisierung, die wachsende Größe und vor allem der Organsiations- und Genehmigungsaufwand zum Problem. Auch die Frage, was ist die Love Parade? (Demonstration? Jugendbewegung? Party? Marke? Medien- und Sponsorenplattform? Konsum- und Tourismusmotor?) und wem gehört sie (Szene, Organisatoren, Sponsoren) konnte nicht eindeutig beantwortet werden.

Am Ende waren die Floats (Trucks) vor allem von Sponsoren (und nicht wie anfangs von Clubs aus ganz Deutschland) gebrandet und mit C-Klasse Promis besetzt. Ein weiteres Low-Light 2001: Gotthilf Fischer vom SFB in Szene gesetzt (assistiert von SFB-Moderator Cherno Jobatey) – dirigiert die Massen am Brandenburger Tor.

Das Ende der Love Parade und damit auch der Techno-Kultur?

generated by AI (midjourney)

Techno-Kultur: Einfluß auf Graphic Design und Mode

Die Techno-Kultur hatte einen bedeutenden Einfluss auf Grafikdesign und Mode. In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren entstand die Techno-Kultur als eine Subkultur, die von elektronischer Tanzmusik, Rave-Partys und futuristischem Lebensstil geprägt war. Diese Bewegung fand insbesondere in Europa, insbesondere in Städten wie Berlin, London und Detroit, statt und verbreitete sich später weltweit.

Grafikdesign wurde von der Techno-Kultur stark beeinflusst. Das Design von Flyern, Plakaten, Magazinen und Cover-Art für Techno-Veranstaltungen und -Alben war geprägt von einer Ästhetik, die oft futuristisch, abstrakt, bunt und experimentell war. Die Verwendung von geometrischen Formen, leuchtenden Farben, psychedelischen Mustern, neuen Fonts und Schriftarten und digitalen Effekten war typisch für das Design & Layout der Techno-Szene. Zudem wurden häufig Elemente aus der Popkultur, wie Marken, Logos, Comic- und Videospielmotive, in das Grafikdesign integriert. Diese visuelle Ästhetik wurde zum Markenzeichen der Techno-Bewegung und hatte einen großen Einfluss auf das Grafikdesign für Print, TV und vor allem das aufkommende Webdesign.

Auch die Mode wurde von der Techno-Kultur beeinflusst. Die Rave-Kultur brachte eine neue Art von Mode hervor, die oft als “Rave Wear” oder “Club oder Cyber Wear” bezeichnet wurde. Die Kleidung war futuristisch, avantgardistisch und experimentell. Typische Merkmale waren leuchtende Farben, reflektierende Materialien, fluoreszierende und phosphoreszierende Elemente sowie asymmetrische Schnitte. Techno-Fans trugen häufig weite Hosen, grelle T-Shirts, Plateauschuhe, reflektierende Jacken, fluoreszierende Accessoires und futuristische Brillen. Diese Art von Mode wurde auch von Designern aufgegriffen und in Mainstream-Modetrends integriert.

Der Einfluss der Techno-Kultur auf Grafikdesign und Mode war somit geprägt von einer futuristischen Ästhetik, die Experimentierfreude, Innovation und die Verwendung neuer Materialien und Technologien betonte. Diese Einflüsse sind bis heute in der Design- und Modewelt präsent und werden immer wieder neu interpretiert und weiterentwickelt.

Berlin und Techno – die Freiheit zwischen zwei sich wiederfindenden Ländern

Berlin spielte eine zentrale Rolle in der Techno-Kultur Anfang der 90er Jahre. Die Stadt entwickelte sich zu einem der wichtigsten Zentren für elektronische Musik und wurde zum Magnet für Künstler, DJs, Produzenten und Partygänger aus der ganzen Welt. Es entstand eine einzigartige und pulsierende Szene, die den Sound und die Subkultur des Techno maßgeblich prägte.

Berlin war zu dieser Zeit geprägt von der Nachwendezeit und dem Wiedervereinigungsprozess Deutschlands. Die Stadt bot ein kreatives und freies Umfeld, in dem junge Menschen aus verschiedenen sozialen und kulturellen Hintergründen zusammenkamen und gemeinsam neue Möglichkeiten erkundeten. Leerstehende Gebäude, Fabriken und Bunker wurden zu illegalen Partylocations umfunktioniert, die als “Freiräume” dienten und Raum für Experimente und künstlerischen Ausdruck boten.

Die Clubszene Berlins florierte in dieser Zeit. Orte wie der berühmte Tresor, das E-Werk, Bunker, WMF oder der Planet und viele andere wurden zu ikonischen Institutionen des Techno. Die Clubs waren bekannt für ihre langen und intensiven Nächte, in denen die Musik und die gemeinsame Erfahrung im Vordergrund standen. Die Berliner Techno-Szene zeichnete sich durch ihre Offenheit, Toleranz und ihre anti-kommerzielle Haltung aus. Es ging weniger um den Star-DJ-Kult, sondern vielmehr um die Musik, die gemeinsame Erfahrung und den freien Geist.

Berlin wurde zum Pilgerort für Techno-Enthusiasten aus aller Welt. Die Stadt wurde zur Heimat vieler internationaler Künstler und DJs, die in den Berliner Clubs auftraten oder sich sogar dauerhaft niederließen. Die Präsenz dieser talentierten und kreativen Menschen verstärkte den Ruf Berlins als Schmelztiegel für elektronische Musik und zur “Hauptstadt des Techno”.

Die Berliner Techno-Kultur der 90er Jahre hatte einen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung des Genres. Die Musik, die Partys und das Lebensgefühl prägten den Sound, die Ästhetik und die Werte der Techno-Bewegung weltweit. Bis heute bleibt Berlin eine bedeutende Drehscheibe für elektronische Musik, und die Erinnerung an die bahnbrechenden Jahre Anfang der 90er hat dazu beigetragen, dass die Stadt weiterhin als wichtiges Zentrum der Techno-Kultur angesehen wird.

Kommerzialisierung von Techno, Stakeholdern und der Love Parade

Die Techno-Musik hat im Laufe der Zeit eine erhebliche Kommerzialisierung erfahren. Ursprünglich entstand sie als Underground-Bewegung mit einer anti-kommerziellen Haltung, die sich gegen den Mainstream und die Konventionen der Musikindustrie richtete. Techno-Partys fanden in illegalen Locations statt, abseits des etablierten Clubbetriebs, und die Musik wurde häufig unabhängig produziert und vertrieben.

Jedoch begann Techno in den 1990er Jahren zunehmend an Popularität zu gewinnen und fand den Weg in den Mainstream. Plattenlabels erkannten das kommerzielle Potenzial und begannen, Techno-Musik zu veröffentlichen und zu vermarkten. DJs und Produzenten erlangten größere Bekanntheit und begannen, auf großen Festivals und in kommerziellen Clubs aufzutreten. Dies führte zu einer erhöhten Aufmerksamkeit und einem breiteren Publikum für Techno.

Mit der Kommerzialisierung wurden auch Veränderungen im Sound und in der Ästhetik des Techno festgestellt. Einige Künstler und Produzenten passten ihren Stil an, um breitere Hörerschichten anzusprechen und kommerziellen Erfolg zu erzielen (das aufkommende Musikfernsehen mit MTV und VIVA und die beteiligten Großlabels lieferten dem Vorschub). Dadurch entstanden verschiedene Subgenres und Fusionen mit anderen Genres wie Pop, EDM (Electronic Dance Music), “Kirmes-Techno” oder Mainstream-House, die mit der ursprünglichen Szene und Idee wenig gemeinsam hatten.

Die Kommerzialisierung brachte auch Veränderungen in der Veranstaltungslandschaft mit sich. Techno-Partys wurden größer, kommerzieller und professioneller organisiert (aber damit auch kostenintensiver und Einnahmenfokusierter), wie z.B. die Mayday und Love Parade die parallel im TV übertragen wurden. Große Festivals wie Nature One, Time Warp, Melt und Sonne, Mond und Sterne integrierten Techno-Acts in ihre Line-ups und erreichten so ein Massenpublikum. In einigen Fällen führte dies zu einer Entfremdung von den ursprünglichen Werten und der Atmosphäre der Techno-Kultur.

Plötzlich gab es Stars (manchmal mehr Popstar als DJ, wie Marusha, Scooter, U96 oder Mark Oh) und auch die Macher der Love Parade inszenierten sich mehr und mehr selbst in kommerziellen Projekten und setzten sich damit von der einstigen Szene ab. War der Kommerz also der Tod der Technobewegung?

Nein ich denke nicht zu 100%. Es hatten sich nur Teile gelöst und sind im Mainstream untergegangen (Frontpage Magazin mit Jürgen Laarmann, die Partysanen aus München mit ihren Marlboro-Reisen, die Love Parade und Dr. Motto).

Um auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen: ist die Techno-Kultur tot? Nein, auch nach über 30 Jahren nicht.

Nachwievor gibt es eine starke Underground-Techno-Szene, die der Kommerzialisierung widersteht und sich auf die ursprünglichen Werte von Authentizität, musikalischer Innovation und Gemeinschaft konzentriert. Viele Independent-Labels und Veranstalter setzen sich dafür ein, die Essenz des Techno zu bewahren und die Subkultur lebendig zu halten.

Die Kommerzialisierung von Techno hat zweifellos zu einer größeren Sichtbarkeit und Zugänglichkeit der Musik geführt, aber sie hat auch zu Debatten über Authentizität, Kreativität und den Verlust der ursprünglichen Underground-Energie geführt. Wie bei vielen anderen Musikgenres ist die Kommerzialisierung ein zweischneidiges Schwert, das sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich bringt.

Love Parade und die Tragödie von Duisburg

Im Falle der Love Parade hat die Kommerzialisierung einen traurigen und letztendlich tragischen Höhepunkt erreicht. Mit dem Verkauf der Marke “Love Parade” an die Fitnesskette MC Fit und der Verlagerung und Ausrichtung nach Duisburg mussten am Ende 21 junge Menschen ihr Leben lassen. Die Schuldigen, bis heute hat niemand die Verantwortung übernommen. Weder die Stadt Duisburg, die zuständigen Planungsverantwortlichen, der Organisator, die Polizei noch überforderte Rettungsdienst- und Sicherheitsverantworliche.

Wer auch immer die Idee hatte, eine Großveranstaltung auf einem eingezäuntem Gelände mit Zugang über einen Tunnel durchzuführen, hatte wohl nur die Einnahmen im Kopf. Ein trauriger Höhepunkt einer Veranstaltung, die in Berlin eigentlichen schon ihren Zenit überschritten hatte.

Love Parade kehrt als Rave the Planet nach Berlin zurück

Nun kehrt die Love Parade zurück – unter neuem Namen mit alten Machern wie Dr. Motto und Co. Als Rave the Planet soll sie am 08.Juli in Berlin wiedererstehen. Doch was kehrt zurück? Der alte Spirit? Oder Kommerz und klingelnde Kassen für die, die Love Parade verkauft hatten und in der Konsequenz der Tragödie von Duisburg die Tür geöffnet haben?

Die Frage die ich mir stelle ist, darf und kann eine Großveranstaltung die einst als Demonstration unter dem Motto “Friede, Freue, Eierkuchen” mit einigen 100 Teilnehmern am Ku-Damm gestartet ist, nach Kommerzialisierung und Ausverkauf in einer Tragödie geendet ist, nun wieder dort anknüpfen, wo sie einst in Berlin begonnen hat?

Die Antwort können wohl nur die Organisatoren liefern.

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