30 Jahre Photoshop – Interview mit Photoshop-Urgestein Russell Brown (Adobe)

Seit nun mehr 30 Jahren revolutioniert Photoshop die Art und Weise, wie wir unsere Bilder und Fotografien intuitiv und kreativ bearbeiten und optimieren. Made with Photoshop“ hat sich als Standard für professionelle Bildbearbeitung etabliert. Und Photoshop ist längst ein unverzichtbares Werkzeug im täglichen Kreativ-Prozess geworden.

Russell Brown, Adobe Urgestein und Senior Director Marketing für den Bereich Photoshop zu treffen ist ein „Jahrhundertereignis“ (deshalb packe ich das Interview mit ihm noch einmal aus).

Zum einen gibt es sicherlich kaum jemanden im Adobe Orbit, der die Entwicklung von Photoshop so hautnah, in erster Reihe und von Anfang an miterlebt und beeinflusst hat. Zum anderen ist man bei ihm auch nie ganz sicher: trifft man nun auf den seriösen und „corporate“ Adobe Mitarbeiter Dr. Russell Preston Brown od. aber auf seinen kongenialen Mitstreiter und fiktiven Character „Doc Brown“. Diese Frage kann ich schon mal vorab beantworten – man trifft beide!

Hallo Russell, danke für Deine Zeit! Wir würden uns mit Dir gerne auf eine Zeitreise begeben, in die Anfänge von Photoshop. Kannst Du Dich erinnern wie genau Dein erster Aufeinandertreffen mit Photoshop ablief?

Russell Brown: (reibt sich die Schläfen) – Hm, Hm …… John Knoll von den Knoll-Brüdern kam 1989 zu Adobe. Der Kontakt kam über Frank Mitchell, der zu der Zeit bei Adobe für Akquisitionen und Software zuständig war und der zu uns sagte „schaut euch dies mal an“. So saß ich also in dieser aller ersten Demo, die ich zu Photoshop sah und mich warf es fast vom Stuhl.  Am meisten hatte mich das Soft-Selection Tool beeindruckt. Ich hatte zuvor schon mit Computer gearbeitet, die zu der Zeit extrem teuer und handverlesen zu finden waren.

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Die Photoshop Alpha-Version: Screen, Icon und der ursprüngliche „Knoll-Screen“

John Knoll zeigte und also die Funktion des „Zauberstabes“ und machte eine Auswahl eines Sees – hier fällt mir gerade ein, das habe ich so im Detail noch nie erzählt (lacht) – und dann zeigte er mir die Auswahlmaske dieses Sees. Und diese Maske war absolut weich in der Kontur! Er benutze also einen Pinsel mit weicher Kontur! Und ich hatte bis dahin in einer Welt mit „harten Pixel-Kanten“ und Mac Paint gelebt. Und wenn ich mich so zurückerinnere hat er die Auswahlkante dann auch noch weichgezeichnet.

Das hat es bereits in der allerersten Version gegeben?

Russell Brown:  Ja, ja – er hat diesen Pinsel weichgezeichnet und mit der weichen Kante hat er die die Auswahl bearbeitet und in der Oberfläche des Sees gezeichnet. „Mann oh Mann!“ dachte ich mir. Das konnte man so zu der Zeit nur auf einem 100.000 Dollar Equipment machen. Er zeigte uns die Demo, aber auf einem der ersten farbigen MACs. Ich glaube ein es war ein SE.

Sorry für die Nachfrage – er brachte seinen eigenen Computer mit zur Demo?

Russell Brown: Ja er mußte ihn mitbringen – wir hatten zu der Zeit doch keine „richtigen“ Computer (lacht). Wir hatten nur Prototypen von Apple, meist ohne Gehäuse. Kabel hingen wüst raus… Er machte also seine Demo, zeigte die Auswahl und wir sagten zu John Warnock (Anmerkung: einer der beiden Gründer von Adobe) „wir sollten dies kaufen“. Ich sagte zu ihm“ das ist ein Gottesgeschenk für alle Designer!“. Und so kam es sehr schnell zur ersten Version.“

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Tool-Leiste, Installations-Discs, der Ur-Mac mit Version 1.o auf dem Screen (noch in schwarz/weiss)

Wir hatten zu der Zeit Illustrator und Postscript und waren zu der Zeit noch sehr postscript-fokusiert. Die ersten Ideen, als Adobe als Firma startete war, wir sind eine Drucker-Firma, bauen Drucker und nutzen Postscript als Sprache für diese Drucker. Und ich glaube es war Steve Jobs der John Warnock und Chuck Geschke überzeugte: „lasst mich die Drucker machen – macht ihr die Software.“

So wurde Adobe eine Software-Firma und John brachte uns mit der Einführung von Illustrator diesem Ziel näher. Aber so richtig auf den eigentlichen Weg brachte uns dann die Einführung von Photoshop – ab da waren wir eine Software-Firma und wir mehr als Post-Script. Ab da wuchs die Firma und keiner von uns würde wohl heute hier sitzen, wenn Photoshop damals nicht von Adobe entdeckt worden wäre. Vielleicht hätten zwei andere Firmen das Ganze entdeckt und wären in Streit geraten, wer nun die Rechte daran bekommt.

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Zeitreise 30 Jahre zurück: Die erste Handels-Version von Photoshop erblickt das Licht der Welt.

Wie muß man sich Adobe als Firma zur Geburtsstunde von Photoshop vorstellen – wie viele Leute arbeiteten damals für Adobe?

Russell Brown: Also ich bin Mitarbeiter Nummer 38 und wir waren gerade in einem neuen Gebäude. Ich denke wir waren damals so um die 300 Mitarbeiter. Wir waren eine sehr junge Firma. Und wenn Du mich jetzt fragen würdest, wußtest Du, dass Photoshop so ein Erfolg werden würde, hätte ich damals wohl geantwortet „Nein“.

Echt nicht? Was liess Dich zweifeln?

Russell Brown: Nein, ich dachte damals, dass ist ein tolle Spielzeug für Publishing. Ich mochte die Fähigkeit von Photoshop, Bilder für die Druckvorstufe anzupassen. Ich dachte immer im Kontext zu Print: Man hat Bilder, kann diese optimieren mit Bildbeschneidung, Cut & Paste, Blenden, usw.

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Russell Brown im Interview zur Geschichte von Photoshop …..    Foto: Mathias Vietmeier

Die Zukunftsvision wer alles Photoshop einmal nutzen würde hatte ich nicht – ich dachte ursprünglich nicht an Illustratoren, Designer, Fotografen, Architekten und die breite Maße. Ich wußte es ist cool und großartig – aber im Bezug auf Zukunftsvisionen war ich nicht sonderlich visionär. das bin ich auch heute noch nicht, das gebe ich zu. Wenn man mich frägt, was sollte alles in der nächsten Version möglich sein, fällt es mir schwer mir dies vorzustellen, aber wenn ich dann die neuen Features sehe, sage ich als erster: “ jawohl, das ist genau das was wir brauchen!“ Also bitte keine Zukunfts-Fragen! (lacht)

Photoshop ist für viele der täglich Arbeitsraum und ihr kreatives Arbeitsumfeld …
(lacht) Und ich hoffe die zahlen alle ihre Miete.

… und es sicherlich eines der Adobe Produkte, an dem die User am meisten hängen. Wie erklärst Du Dir diese „emotionale“ Seite von Photoshop?

Russell Brown: Das iPhone ist auch Emotional. Die Applikationen auf dem iPhone sind emotional. Ich glaube Photoshop ist emotional, weil es hilft den inneren Künstler in Dir zufrieden zu stellen. Ich kann dies verändern, dass dort hin stellen und kombinieren und zu mir selbst sagen „sieht gut aus!“. Auf der einen Seite könnte man sicherlich zu sich selbst sagen, „ich nutze jetzt den Kopierstempel, jetzt das Auswahl-Werkzeug“. Auf der anderen Seite macht man dies aber alles intuitiv und mit einem gewissen Spaß. Photoshop macht was man will, wenn man gelernt hat es zu kontrollieren, so wie wenn man eine Sprache lernt…. Ich habe Spanisch gelernt, bin nach Mexiko gefahren und habe etwas auf Spanisch bestellt (lacht) das war hart … aber Du fühlst Dich dann viel besser, wenn Du das Gelernte umsetzt… ja aber so ähnlich ist es wohl, wie das Fahren in ein neues Land … Du öffnest Photoshop, lernst die Sprache, lernst es zu kontrollieren und hast schnell Spass dabei und kannst kreative Ideen denken und schnell umsetzen. Und bist zufrieden…. Aber irgendwie ist die Frage schwierig (lacht)

Ok – Laß mich das Thema „Emotionalität“ anders visualisieren: Was würde passieren, wenn man den Leuten sagt „ab morgen gibt es keinen Photoshop mehr?“

Russell Brown: Das gäbe eine Revolution!
… und im Gegenzug „ab heute kein Excel oder Word mehr“? (lacht lauthals)

Russell, wenn Du Dir eine Zeitleiste vorstellt, was wären darauf die Meilensteine in der Photoshop-Geschichte?

Russell Brown: Meilenstein Nummer 1 ist sicherlich Verison 1.0 – das war ein bahnbrechende Veränderung. Der nächste Meilenstein war sicherlich die Verfügbarkeit auf PC, dann kam die Ebenen in Version 3, dann Text-Editierung, Transparenzen und Blend-Modes. Dann sicherlich die technische Veränderung durch mehr Arbeitsspeicher, die es ermöglichte auch größere Files zu öffnen und zu bearbeiten. dann Features durch bessere Scanner, CMYK Support. Und dann kamen die Kameras – das war wirklich ein Meilenstein. Denn ab dann änderten die Fotografen ihren Workflow. Kamera RAW war der nächste Meilenstein. Ein Thema in dem Thomas Knoll heute sehr aktiv ist.

Aber jetzt müßen wir Dich mal etwas ganz anderes fragen – wie ist der Character „Doc Brown“ entstanden?

Russell Brown: Oh schon wieder eine Zeitreise (lacht) … Er ist ein verrückter Charakter – aber wer mich kennt (lacht)…

Anfangs in grauer Vorzeit machte ich meine Präsentationen mit Slides… Mit Text-Slides: „Dies sind die Vorteile von Photoshop“…. wie langweilig. So baute ich Bilder in die Präsentationen ein und das Publikum sagte „toll, super“… so fügte ich als nächstes Humor ein … ich nahm den schiefen Turm von Pisa und veränderte ihn in meiner Demo. Machte ihn gerade, streckte und stauchte ihn. Und dann merkte ich, he das Publikum lacht ja. Und ich infizierte mich: Das Publikum lacht, das Publikum lernt, das machte mir Spaß.

Russell Brown Photoshop - live in Action       Foto: Mathias Vietmeier, München
Russell Brown Photoshop – live in Action Foto: Mathias Vietmeier, München

Also überlegte ich, wie kann ich das Publikum noch mehr zum Lachen bringen. Und so entstanden verrückte Kostüme und Ideen, die ich in meine Demos einbaute. Und so entstand Doc Brown, der verrückte Wissenschaftler, der Tipps zu Photoshop gab. Inspiration für die Erfindung von Doc Brown waren die 50 Jahre Shows in meiner Kindheit.

Und die Reaktionen auf die Kunstfigur Doc Brwon  waren durchaus positiv?

Russell Brown: Ich bekam auch erboste Emails von Leuten, wie z.B. „Das ist lächerlich, glaubst Du wir sind Kinder? Warum wirst Du nicht erwachsen? So kann ich Sie nicht in meiner Firma präsentieren lassen!“ Das waren die Emails die mich zögern liessen. Auf der einen Seite weiß man ja, der Großteil der Leute haben Spaß daran. Aber man hört dann doch mehr auf die einzelnen Kritiker. Ich denke, es gibt genug ernste Präsentatoren. Doc Brown war für einige Zeit von der Bildfläche verschwunden, aber dann fragte mich mein Chef „He kannst Du nicht als Doc Brown eine Demo auf der Photoshop World geben?“. Und nun ist er wieder da! Aber auf Adobe TV ist es nun die Russell Brown Show. Das ist etwas seriöser. Ich denke ja auch an die Zuseher – was soll denn ansonsten der Chef denken, wenn er ins Büro kommt und annimmt, seine Mitarbeiter schauen irgendein Kinderprogramm an (lacht).

Was ist Deine Secret Sauce – Dein Geheimrezept?

Russell Brown: Letztendlich setze ich Humor ein um die Leute wach zu halten und ich denke man lernt dadurch definitv mehr, als wenn man einem Präsentator zuhören muß, der einem einschläfert. Aber 5% meiner Zuseher würden mich am liebsten umbringen! Ich achte aber darauf dass der Infogehalt meiner Demos höher liegt als der NonSense-Anteil.

Manche Episoden der Doc Brown Show waren schon extrem. Sie waren wunderbar und hochwertig produziert…(denkt nach) aber sie waren extrem! Echt extrem! So nehm ich mich nun etwas zurück.

Ist es für Dich schwer, die Trennlinie zwischen dem offiziellen Adobe Mitarbeiter Russell Brown und der Kunstfigur Doc Brown zu ziehen?

Russell Brown: Ich hörte einmal jemanden im Büro sagen „wißt ihr was Russell gerade macht? Er hat ein Kostüm an!!!“ – “ Oh das ist OK, das ist Russell!“ Das ist eine gewisse Freiheit – aber damit muß man vorsichtig sein und diese Freiheit richtig ausbalancieren. Man darf damit nicht zu weit gehen. Mein Boss sagt immer: “ ich möchte nie den Fall haben, dass Du ins Büro kommst und Dich für irgendetwas entschuldigest“. Aber ich glaube, ich hab mich schon für ein paar Sachen entschuldigt. Am besten man hört nicht was die Leute über einen sagen….

Was denkst Du denn von der Doc Brown Show?

Oh ich finde die Show amüsant, aber…..

Russell Brown: Komm sag schon!

(das Eis wird dünn) … doch schon sehr nah an der Grenze des Erlaubten.

Russell Brown: … Oh!!!

(das Eis wird dünner) Mehr Infotainment….

Russell Brown wie er leibt und lebt.....           Foto: Mathias Vietmeier, München

Russell Brown: Oh!!!

(hauchdünnes Eis) Die Russell Brown-Show ist informativer und trotzdem hat sie eine gesunde Mischung an Humor.

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Alles Gut ….!  (mit Apfelsaft 😉 )      Foto: Mathias Vietmeier, München

Russell Brown: Ja das ist es! Ich versuche nun an die Grenze des Erlaubten zu gehen – aber bleibe dabei Russell Brown.

Dein Erfolgsrezept ist sicherlich auch die Authenzität mit der Du Deinen Job machst. Was steht als nächstes auf dem Programm?

Ich reise von München aus weiter nach Japan und darauf freue ich mich sehr darauf. Ich habe wieder einige verrückte Ideen im Gepäck.

Russell, vielen Dank für Deine Zeit, die Einblicke in die Anfangszeit von Photoshop und das ausführliche Interview. Alles Gute!

Mehr von Russell Brown gibt es in der Russell-Brown-Show zu sehen.


Anmerkung: Das Interview ist zusammen mit Mathias Vietmeier (Fotos) im Rahmen der damaligen  Photoshop Convention entstanden. An Mathias (Instagram mathias.vietmeier.foto) an dieser Stelle noch einmal ein riesen „Dankeschön“ für die Unterstützung!

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